| Er will ein neues Theater starten | 27.06.2010
Seit 2003 bin ich fast nur noch am Musiktheater – und da wird mich auch keiner
mehr wegkriegen.“ Auf Einladung der Theater- und Konzertfreunde stellte sich Jens-Daniel
Herzog, Nachfolger von Christine Mielitz in Sachen Opernintendanz, jetzt als Liebhaber der Musik vor – unabhängig von seinem Philosophiestudium und einer Laufbahn im Schauspiel. Der Regisseur skizzierte seine Vorstellungen für Dortmund: Eine Umstrukturierung der Kinderoper, kontinuierliches Vorsingen und ein Volksmusiktheater mit Mut zur Meinung
gehören dazu. Neubeginn - das ist das, wofür Herzog stehen möchte, wenn er am 1. August 2011 als Opernintendant antritt. Zu diesem Selbstverständnis gehört für ihn auch, dass „ich niemals über den jetzigen Zustand des Theaters reden oder öffentlich über Kollegen urteilen werde". In seine Pläne aber ließ er Prof. Michael Hoffmann, Vorsitzender der Theater- und Konzertfreunde, schauen.
Die Oper als Volkskunst
Herzog will „auf einem weißen Blatt Papier ein wirklich neues Theater starten" - etwas, das er in einem Traditionshaus wie Dortmund besser könne als in Düsseldorf, wo man im Repertoire ersticke. Er will „alles versuchen", das Image des Elitären, den Eindruck einer „ausgestorbenen Kunstform" hinwegzufegen und die Oper als „Volkskunst" zu etablieren, die alle Bevölkerungs- und Sozialschichten sowie „3- bis 333-Jährige" anspreche.
Nicht isoliert, sondern in thematischen Reihen will Herzog vorgehen und die Musikgeschichte durchleuchten: Szenische Oratorien sowie Alte Musik und Barock könnten Schwerpunkte sein: „Da ist bislang einiges verschlafen worden." Der Mut, sich als „öffentliches Institut öffentlich zu äußern", sind für Herzog wesentlich - etwas, das er zwei Mal pro Spielzeit mit eigenen Inszenierungen beweisen kann. „Überlebenswichtig" sei auch die Kinder- und Jugendarbeit: Herzog stellt den Titel Kinderoper in Frage, der andeute, dass „große Oper für kleine Idioten" gemacht wird. Er wolle die jungen Zuschauer ernst nehmen, eine Wahrnehmungsschule einrichten, Auftragswerke vergeben, Schulklassen am Produktionsprozess teilhaben lassen und Inszenierungen auf die große Bühne ausdehnen.
Kontinuierliche Ensemblearbeit ist für Herzog essentiell: Durchgehend sollten alle zwei bis drei Wochen Vorsingen stattfinden. „Dortmund muss man als Sprungbrett einführen: In dem Moment, in dem die Sänger auffällig gut sind, müssen sie gehen - und darauf müssen wir stolz sein."
Um die Reihen im Musiktheater wieder zu füllen, setzt Herzog auf Werbung im Umland und verstärkte Kooperation: Abstimmen will er sich mit Gelsenkirchen, auch durch Gespräche mit Klangvokal und dem Konzerthaus Doppelungen vermeiden. „Aber für eine Fusion stünde ich nicht bereit. Da müssten sie sich jemand anderen suchen." Er will das Musiktheater als Erlebnisort etablieren - und die Vorherrschaft des Schauspiels ankratzen: „Das gibt es nirgendwo auf der Welt, dass das Schauspiel erfolgreicher ist als das Musiktheater. Das muss sich ändern, lieber Herr Voges."
„Geld einnehmen"
Viel Applaus spendeten die Theater- und Konzertfreunde dem überzeugenden Herzog. Und das, obwohl er zwar zusagte, den Opernball fortführen zu wollen - aber eben auch ankündigte, dass es wichtig sei, mit diesem Erlebnis „auch Geld einzunehmen für das Theater".
Quelle: derwesten.de
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