| Reiche sollen in Dortmund mehr für Theaterkarten zahlen - Hoffmann will flexibleres Preissystem | 19.05.2011
Die Theater- und Konzertfreunde sehen das Theater in Gefahr – und laden Politik und Spartenleiter am 6. Juni, 18 Uhr, zur Diskussion im Opernfoyer. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden Prof. Michael Hoffmann. Wo sehen Sie die Hauptprobleme am Theater?
Dr.
Michael Hoffmann: Bei den Zuschauerzahlen, vor allem im Musiktheater.
Außerdem kämpft das Theater mit Stellen- und Budgetkürzungen, 1 Prozent
Einsparungen plus Tarifsteigerungen, die aufgefangen werden müssen. Wir
möchten rechtzeitig wach sein, damit es nicht plötzlich heißt: Diese
Sparte wird ausgedünnt oder eingespart.
Aber diese Diskussion gab es bisher politisch nicht.
Ruhrgebietsweit
werden Theaterzusammenlegungen diskutiert. Und wir haben bei allen
Sparten eine katastrophale finanzielle Situation: Das Ballett arbeitet
personell an der untersten Grenze des Machbaren. Noch weniger Geld würde
die Qualität belasten – und schnell zu der Frage führen, warum man die
Sparte noch braucht. Bei 50 Prozent Auslastung im Musiktheater kann man
schwer erklären, warum man sich ein Theater für 35 Millionen Euro bei
nicht einmal 5 Millionen Einnahmen leistet
Knapp 50 Prozent – das hatte Christine Mielitz zum Schluss an der Oper.
Das
spiegelt wider, was wir fordern: Zwar hat jede Sparte hat einen in sich
schlüssigen Plan. So einen Plan wünschen wir uns für das gesamte
Theater. Wo will das Haus hin? Welche Effizienzpotentiale sind noch
nutzbar zu machen?
Sie meinen Stellenabbau?
Nein,
es geht darum, das vorhandene Personal effizienter zu nutzen. Der
Stellenplan des Theaters ist gewaltig. Zwischen 40 und 45 Prozent der
Kosten entfallen auf die nicht künstlerischen Bereiche Verwaltung,
Werkstätten und Technik. Das ist sehr viel – andere Theater kommen mit
geringeren Beträgen aus. Da könnte noch was zu holen sein. Ein anderer
Punkt ist, dass Produktionen nicht realisiert werden, weil zu wenig
Künstler dafür da sind. Weitere Einsparungen und Stellenstreichungen
treffen insbesondere die Philharmoniker. Sie müssen Oper, Operette und
Konzerte spielen. Das ist ein Ziehen und Zerren bei den Diensten für
Proben Aufführungen. Hier könnten die Abläufe sicher noch optimiert
werden, wie das auch ein Unternehmen tun muss
Wäre der Ablauf nicht Aufgabe von Bettina Pesch, geschäftsführende Direktorin?
In
ihrem Bereich: Ja. Aber die klare strategische Ausrichtung eines nach
Sparten geführten Theaters ist die Aufgabe des Trägers. Wenn man die
Philharmoniker unter den Top 10 in Deutschland sehen will, ist zum
Beispiel die Frage, ob es reicht, dass Jac van Steen vertraglich nur
etwa die Hälfte des Jahres in Dortmund anwesend sein muss – ich
bezweifle, dass das der Qualität gut tut, wenn ihm der dazu
erforderliche Unterbau fehlt.
Nimmt die Politik das Theater nicht ernst genug?
Zumindest
würde ich mir wünschen, dass Politiker sagen: Jetzt ist es genug –
sonst sparen wir uns zu Tode. Unter Christine Mielitz haben wir gute
Künstler verloren wegen einigen Hundert Euro mehr Lohn. Wenn beim
Ballett weitere Tänzer gespart werden, so kann es keine Produktionen
mehr auf hohem Niveau abliefern. Kay Voges’ Schauspieler arbeiten am
Existenzminimum, und die Lage beim Kinder- und Jugendtheater ist
erbärmlich. Es muss für alle Künstler und Mitarbeiter am Theater eine
faire Entlohnung geben. Ebenso sollte man die Preise für die
Eintrittskarten überdenken. Es gibt Preismodelle, die finanziell besser
gestellten Besuchern höhere Preise abverlangen, ohne andere
auszuschließen.
Wäre das nicht der Weg zu einem elitären Theater?
Nein,
Dresden zum Beispiel nimmt mehr von Touristen und weniger von denen,
die kein Geld haben. Also eine größere Preisdifferenzierung mit sozialer
Komponente.
Wie stellen Sie sich das vor?
Die
Kartenpreise hier sind für das Klientel, das es anspricht, gering. Man
kann das nach dem Flugzeugprinzip organisieren: Wenn First Class und
Business-Class teurer verkauft werden, kann der Rest viel günstiger sein
– zum Beispiel für Studenten oder Sozialpassinhaber. Auch ein
Last-Minute-Ticket wäre denkbar, wenn das Haus nur halbvoll ist. Oder
man nimmt bei einem Stargast einen Top-Zuschlag. Man ist hier einfach zu
starr. Für all das ist aber entscheidend, das Haus attraktiver zu
machen, sich noch mehr um Sponsoring zu bemühen und im Umland stärker
für unser Theater zu werben.
Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/kultur/Reiche-sollen-in-Dortmund-mehr-fuer-Theaterkarten-zahlen-Hoffmann-will-flexibleres-Preissystem-id4665092.html
|